Hinter der Großen Brandmauer

Ich muss jetzt mal eine Lanze für das chinesische Internet brechen. Nachdem man sich daran gewöhnt hat, dass Facebook, Google und Co. hier nicht funktionieren, findet man schnell neue Wege online zu sein. Hinter der Great Firewall ist mehr los als man meinem möchte, wenn man chinesische Internetdienste von Deutschland aus ansteuert.

Grundsätzlich ist es so, dass alles was man auf der anderen Seite der Great Firewall adressiert entweder sehr langsam lädt, gar nicht lädt oder nicht verfügbar ist. Das gilt in beide Richtungen. Die zensurierende Filterung der chinesischen Behörden ist sowohl IP basiert als auch inhaltlich über entsprechende Suchbegriffe gesteuert.

Man hat natürlich auch hier die Möglichkeit über VPN Server einen direkteren Zugang zu erreichen. In der Praxis ist das jedoch selten förderlich, da die Leistung unvorhersehbar ist. Neulich habe ich es erlabt, dass den ganzen Vormittag über viele deutsche Seiten nicht zu erreichen waren. Dann plötzlich ging alles wieder wie geschmiert …

Eine Lücke in der Great Firewall: für wenige Minuten ist Google Deutschland erreichbar …(Bildschirmfoto 2016-10-12 um 16.31.44)
Eine Lücke in der Great Firewall: für wenige Minuten ist Google Deutschland erreichbar …(Bildschirmfoto 2016-10-12 um 16.31.44)

Zufällig hatte ich dann die deutsche Google-Seite angewählt und für wenige Minuten gab es eine „Öffnung“ in der ich sogar Google-Suche benutzen konnte. Ich nehme an, dass dieses Loch in der Great Firewall entstand, weil gerade die Filter neu gesetzt wurden. Mein Sohn berichtete auch, dass bei einigen Diensten nur die neuesten Versionen blockiert werden, ältere jedoch funktionieren. Also Trial and Error …

Die Helden hier heißen WeChat und Baidu aber auch Bing und Sohu. Von Google funktionieren immerhin die Übersetzungsdienste, teilweise so gut, dass mit der Kamera-Funktion der Translation-App sogar Übersetzungen in Echtzeit möglich sind. So werden während einer Präsentation die englischsprachigen Beamer-Folien von den Teilnehmern auf ihren Smartphones simultan in Chinesisch übersetzt. Verblüffend!

Fast alle Chinesen haben ein Smartphone, sehr viele ein PingGuo – sprich Apple, also iPhone 5, 6 oder sogar 7. Und alle nutzen die Social Media App WeChat. Sie hat einen Funktionsumfang, der weit über WhatsApp hinausgeht und auch Bezahldienste einschließt: An der Supermarktkasse wird einfach der WeChat QR-Code direkt vom Bildschirm gescannt.

Heute Abend wollte ich meinen Jungs (16 und 11 Jahre alt) die Musik meiner Jugend vorstellen, musste jedoch einsehen, dass ich Billy Joel nicht auf meiner Festplatte habe. Jedoch hat Baidu eine tolle Musik-Plattform, auf der sich auch fast alle westliche Musik finden und spielen lässt. Benutzt man die Übersetzungsfunktion von Baidu, wird die Seite – auch für den des Chinesischen Unkundigen – soweit verständlich, dass man sich prima orientieren kann.

Baidu Music Playlist mit Karaoke-Funktion …
Baidu Music Playlist mit Karaoke-Funktion …

Schnell sind die Titel auf einer Playlist zusammen gestellt. Sie werden dann in voller Länge abgespielt – dabei werden die Songtexte synchron im Karaoke-Stil angezeigt. Ich bin begeistert. Allerdings meine Jungs weniger von meinem Musikgeschmack. Als ich zum dritten Mal sage: „So, den Song müsst ihr aber schon mal gehört haben …“ entgegnet der Älteste genervt: „Das ist Musik, die man vor der Wende gehört hat, sowas kenn ich nicht!“

Am 28. Oktober ist übrigens das Hamburger Elektronikmusik-Urgestein Michael Rother hier in Peking im Club Yugong Yishan zu Gast. Ich werde da sein!